PressemitteilungNummer: 0019Datum: 01/16/2015

Wer war Dr. Fritz Landenberger?

    Wer war Fritz Landenberger?
    Fritz Landenberger – Landenberger-Stiftung – Landenberger-Preis


    Dr. Fritz Landenberger
    Am 29. Januar 2015 erhält Dr. Patrick Sturm für seine bahnbrechende Dissertation zum Thema „Leben mit dem Tod in den Reichsstädten Esslingen, Nördlingen und Schwäbisch Hall. Epidemien und deren Auswirkungen vom frühen 15. Bis zum frühen 17. Jahrhundert“ (Esslinger Studien. Schriftenreihe 23) den Dr. Fritz Landenberger-Preis zur Förderung der Esslinger Stadtgeschichtsforschung.
    Aus diesem Anlass wollen wir an den ersten Esslinger Nachkriegsoberbürgermeister Dr. Fritz Landenberger erinnern sowie die Entwicklung von Landenberger-Stiftung und Landenberger-Preis in Grundzügen nachzeichnen.
    Fritz Landenberger wurde am 25. Mai 1892 als Sohn des Uhrenfabrikanten Paul Landenberger und seiner Frau Frida geb. Junghans in Schramberg im Schwarzwald geboren. Er hatte zehn Geschwister. Nach Absolvierung der Lateinschule in seiner Heimatstadt besuchte er ab 1906 das weiterführende Realgymnasium in Stuttgart. Von 1910 an studierte er zunächst in Freiburg i. Br. Jura, ab 1913 Medizin in München und Tübingen mit Zwischenstation in Jena, wo er eine Vorprüfung mit der Gesamtnote gut bestand.
    Im August 1914 meldete sich Fritz Landenberger als Kriegsfreiwilliger. Wegen allgemeiner körperlicher Schwäche konnte er jedoch nicht als Frontsoldat eingesetzt werden. Er arbeitete unter anderem zeitweise als Sanitätsunteroffizier in Tübingen und als Feldunterarzt im Reservelazarett Nürtingen bzw. Friedrichshafen.
    Fritz Landenberger heiratete am 23. August 1919 die am 27. Juli 1891 in Sadke (Schlesien) geborene Gertrud Raddatz. Sie hatte ebenfalls in Tübingen Medizin studiert. Das junge Ehepaar war mittlerweile nach Würzburg übersiedelt, wo Landenberger an der Universitäts-Augenklinik seine Facharztausbildung absolvierte, die er 1923 abschloss. Wegen der wirtschaftlichen Krisensituation zogen Gertrud und Fritz Landenberger noch im selben Jahr nach Schramberg, wo Fritz in der väterlichen Hamburg-Amerikanischen Uhrenfabrik (HAU) unterkam. Nach kurzen Versuchen, sich in Ebingen bzw. Schramberg als Augenarzt zu etablieren, die scheiterten, arbeitete er wieder in der HAU bis zu deren Fusion mit der Firma Gebr. Junghans 1927. Danach zog das Ehepaar nach Esslingen, wo Fritz – endlich mit Erfolg – eine Augenarztpraxis in der Neckarstraße 71 eröffnete, die er dort 38 Jahre lang führte.
    Bereits 1923 trat Landenberger in die Deutsche Demokratische Partei ein, die sich als linksliberale Partei in der Tradition der früheren Fortschrittlichen Volkspartei sah. Er engagierte sich politisch, indem er Veranstaltungen der Partei regelmäßig besuchte und sich mit Redebeiträgen einbrachte. Seine aufrechte Haltung zur Förderung von Parlamentarismus und Demokratie erhielt er auch in Krisenzeiten der Partei Anfang der 1930er Jahre bei, was ihm den Spitznamen „Demokratenfritz“ einbrachte. Mit der Erstarkung der NSDAP zog er sich enttäuscht mehr und mehr aus der Politik zurück. Die DDP hatte sich im Frühsommer 1933 aufgelöst. Dennoch belastete die politische Situation Landenberger sehr. Gegen die bedrückende politische Situation während des Dritten Reiches leistete er keinen aktiven, jedoch durchaus passiven Widerstand, z. B. indem er den als entartet geltenden Maler Reinhold Nägele und seine jüdische Ehefrau finanziell unterstützte. Ablenkung suchte er in zahlreichen Reisen mit seiner Frau.
    Landenberger war 1940 für kurze Zeit als Arzt im Lazarett in der Burgschule tätig. Er litt während der Zeit des Zweiten Weltkrieges an der Hilflosigkeit, etwas gegen die Verbrechen gegen die Menschlichkeit tun zu können und suchte Ablenkung, in dem er sich verstärkt musischen Tätigkeiten widmete. Im März 1942 wurde er als Soldat in die Wehrmacht einbezogen, und zwar als Musterungsarzt in Esslingen, Waiblingen, Schorndorf und Stuttgart.
    Nach Kriegsende war Landeberger an den Verhandlungen zur friedlichen Übergabe der Stadt Esslingen an die Amerikaner beteiligt. Aufgrund seiner unbestrittenen demokratischen Integrität wurde er vom amerikanischen Major Joseph J. Taylor zum Landrat ernannt, später zum Oberbürgermeister. Am 5. Juli 1946 wurde er vom Gemeinderat zum Oberbürgermeister gewählt. Politisch ungebunden, setzte er sich auch in besonderem Maße für die Belange der Flüchtlinge und Letten ein, womit er sich den Namen „Dr. Lettenberger“ einhandelte. Nachdem Landenberger bei der Oberbürgermeisterwahl im Februar 1948 dem Sozialdemokraten Dr. Dieter Roser unterlegen war, konzentrierte er sich wieder auf seine Arbeit als Augenarzt. Er engagierte sich in verschiedenen Berufsorganisationen. Nach 38 Jahren gab er seine Arztpraxis im Alter von 73 Jahren am 10. Mai 1965 auf. Von nun an konnte er sich verstärkt seinem Interesse an der Philosophie widmen. Mit dem Philosophen Professor Dr. Eduard Spranger und seiner Frau verband ihn eine jahrelange Freundschaft. Der Verlust seiner Frau, die am 24. November 1975 nach längerem Nervenleiden starb, hat ihn tief getroffen: „Wie mein Leben künftig verläuft, ohne sie, kann ich mir noch nicht recht vorstellen“.
    Wenn Landenberger auch einige politische Niederlagen einstecken musste, so wurden seine Leistungen als Oberbürgermeister der ersten Nachkriegsjahre doch noch gewürdigt. So wurde anlässlich seines 85. Geburtstags am 25. Mai 1977 ein Straßenzug in der Innenstadt nach ihm benannt. Der bis zu seinem Tode engagierte Demokrat und Bürger Dr. Fritz Landenberger starb am 5. April 1978.

    Die Dr. Fritz Landenberger-Stiftung
    Landenberger vermachte sein Vermögen zu gleichen Teilen seiner Heimatstadt Schramberg, die das Geld zu Restaurierung des Schlosses zum Kulturzentrum verwendete und darin ein „Landenberger-Gedächtniszimmer“ einrichtete, und der Stadt Esslingen. Der Gemeinderat beschloss 1980 auf Betreiben des Freundes und Testamentsvollstreckers Eugen Frick die Gründung der „Dr. Fritz Landenberger-Stiftung“. Gemäß der Verfügung des Erblassers unterstützt die Stiftung kulturelle, künstlerische und wissenschaftliche Zwecke. Der Stiftungsrat, bestehend aus dem Esslinger Oberbürgermeister als Vorsitzenden, je einem Mitglied jeder Ratsfraktion sowie vier weiteren vom Gemeinderat gewählten Mitgliedern, entscheidet über die Verwendung der zur Verfügung stehenden Mittel. Mit den Erträgen des Stiftungskapitals konnten in der Vergangenheit überaus wichtige Projekte in den Bereichen der Stadtgeschichte bzw. der Denkmalpflege unterstützt werden. Die Bandbreite reicht dabei von Maßnahmen der Baudenkmalpflege wie der Sanierung des Wolfstors oder der Figuren am Astronomischen Uhr am Alten Rathaus über Restaurierungen von Museumsbeständen (Gemälde) und Archivgut (Bandserien des Reichsstädtischen Archivs) bis hin zu der Bezuschussung von Ausstellungsprojekten („Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“), Publikationen („Esslinger Studien“, Publikationen der Frauengeschichtswerkstatt Esslingen) bis hin zu Einzelprojekten wie der Erschließung der Historischen Bibliothek des Georgii-Gymnasiums.

    Der Dr. Fritz Landenberger-Preis
    Seit 1982 vergibt die Stiftung in unregelmäßigen Abständen den Dr. Fritz Landenberger-Preis zur Förderung der Esslinger Stadtgeschichtsforschung. Es sollen hiermit vor allem jüngere Wissenschaftler ermutigt werden, sich der Erforschung der Esslinger Geschichte zu widmen. Mit dem Preis werden herausragende wissenschaftliche Arbeiten gewürdigt. Erstmals wurde der Preis 1983 an Henrich Tiessen für seine bahnbrechende Arbeit „Industrielle Entwicklung, gesellschaftlicher Wandel und politische Bewegung in einer württembergischen Fabrikstadt des 19. Jahrhunderts: Esslingen 1948 bis 1914 (Esslinger Studien. Schriftenreihe 6) verliehen. Im darauffolgenden Jahr erhielt Prof. Dr. Otto Borst für seine Verdienste um die Esslinger Stadtgeschichte den zweiten Preis. Neben mehreren Dissertationen wurde 1992 auch eine Habilitationsschrift ausgezeichnet: Günter Jerouschek, Die Hexen und ihr Prozess. Die Hexenverfolgung in der Reichsstadt Esslingen (Esslinger Studien. Schriftenreihe 11). Joachim Hahn erhielt für seine umfangreiche Arbeit mit dem Titel „Jüdisches Leben in Esslingen. Geschichte, Quellen und Dokumentation“ (Esslinger Studien. Schriftenreihe 14) im Jahr 1994 den Preis. Mit der Studie von Elisabeth Timm zum Thema „Zwangsarbeit in Esslingen 1939-1945. Kommune, Unternehmen und Belegschaften in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft“ (Esslinger Studien. Schriftenreihe 21), die 2010 ausgezeichnet wurde, bekamen die Bände der Schriftenreihe ein neu gestaltetes Cover. Die letzte Preisträgerin ist Iris Holzwarth-Schäfer, die den Preis für ihre Dissertation „Das Karmelitenkloster in Esslingen (1271-1557). Ein südwestdeutscher Mentikantenkonvent zwischen Ordensideal und Alltagswirklichkeit (Esslinger Studien. Schriftenreihe 22) erhielt.



    Dr. Joachim J. Halbekann
    Leiter des Stadtarchivs Esslingen



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