Redemanuskript

Thema / Anlass:Vernissage Heribert Friedland
Datum:10/19/2008
Zeit:11:00 AM
Ort:Villa Merkel
Redner:OB Dr. Zieger

Es gilt das gesprochene Wort
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Begrüßung von Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Heribert Friedland – Tuschen und Aquarell im Dialog mit Werken aus der Graphischen Sammlung der Stadt Esslingen am Neckar“ in der
Villa Merkel, am Sonntag, den 19. Oktober 2008, 11 Uhr


Sehr geehrter, lieber Professor Heribert Glatzel,
sehr geehrte Frau Helga Glatzel,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Villa Merkel,


sehr herzlich begrüße ich Sie hier in der Villa Merkel aus Anlass der Eröffnung der Ausstellung „Heribert Friedland – Tuschen und Aquarell im Dialog mit Werken der Graphischen Sammlung der Stadt Esslingen am Neckar“. Wie immer in der Villa Merkel, doch dieses Mal auf sehr eigenständige Weise, ist es eine besondere, ja nachgerade eine bedeutende Ausstellung, die heute ihre Türen öffnet.

Fast genau vor einem Jahr ehrten wir Herrn Professor Glatzel anlässlich seines 80. Geburtstages mit einem Empfang im Alten Rathaus. Zu diesem Anlass übergab ich im Namen der Stadt Esslingen am Neckar zunächst Blumen und Wein, sicherlich gerngesehene Geschenke, doch das eigentliche Präsent kann ich erst heute – im übertragenen Sinne – überreichen. Sie, sehr geehrte Damen und Herren, können es, ebenso wie auch ich, erst heute in Augenschein nehmen. Gemeint ist die hier und heute zu eröffnende Ausstellung von Werken Heribert Glatzels, der sich als Künstler nach seinem schlesischen Geburtsort Friedland nennt.

Den eigenen Arbeiten hat Heribert Friedland Blätter aus der Graphischen Sammlung der Stadt Esslingen am Neckar gegenübergestellt – dazu, wie die Sammlung und das eigene Werk zusammenhängen, an späterer Stelle mehr.
Mit der heute zu eröffnenden Ausstellung bekommt das Werk eines herausragenden Botschafters der Stadt Esslingen einen Auftritt. Es handelt sich, übertragen gesprochen, um ein Heimspiel.

Das Atelier von Heribert Friedland ist seit über dreißig Jahren oben auf der Burg. Die Hochwacht, vom Künstler selbst restauriert, fungiert als Ort künstlerischer Produktion und zugleich als Ort intellektueller Reflexion. Wohnort des Künstlers ist das nahe gelegenen Aichelberg. Heribert Friedland ist höchst vielseitig begabt, er ist Künstler, Wissenschaftler, streitbarer und scharf analysierender Intellektueller und Handwerker. Vor allem aber ist er, und zwar ohne jeden Zweifel, ein großer Meister des Aquarells. Sein bildnerisches Werk ist einzigartig und über die Maßen eigenständig. Darüber hinaus hat Heribert Friedland das künstlerische und kulturelle Leben der Stadt entscheidend vor Ort geprägt. Durch seine Ausstellungen – erlauben Sie die Verkürzung auf einige wenige beispielhafte Nennungen – durch die Ausstellungen etwa im Victoria and Albert Museum in London, im Düsseldorfer Kunstmuseum, bei Herder & Herder in New York, in der Stuttgarter Staatsgalerie, in der Neuen Pinakothek in München oder im Pawlowsk Palast Museum in Leningrad, hat er, zusammen mit seinem Werk und durch die darin zum Ausdruck kommende Haltung, zugleich auch ein Stück Esslingen in die Welt hinaus getragen.

Die Interessen sind gefächert. Bereits die Ausbildung legt Heribert Glatzel breit an: Er pendelt zwischen der Staatlichen Kunstakademie sowie dem kunsthistorischen und dem theologischen Institut der Universität in Stuttgart. Die Ausbildung, eher möchte man sagen, die Ausbildungen, sind substantiell. Neben der daraus resultierenden, freien künstlerischen Produktion und Auseinandersetzung entwirft Heribert Friedland in der Folge Fenster für Kirchen und Profanbauten sowie Keramikwände und Beton-Reliefs. Seine architekturbezogenen Werke im Esslinger Merkel’schen Bad seien hier stellvertretend und beispielhaft erwähnt. Das Hauptwirkungsfeld von Heribert Friedland war und ist das Aquarell.

Die Aquarellmalerei ist etwas sehr Besonderes. Sie wird heutzutage bisweilen – und zwar völlig zu Unrecht – vorschnell mit eigentümlichen Nischenprodukten in Verbindung gebracht, etwa mit dem unkontrollierten Fließenlassen von wässriger Farbe, das manche zwar liebevoll, doch tatsächlich eher dilettantisch in Werken der Freizeitkunst inszenieren. Die Aquarellmalerei aber ist eine höchst schwierige Angelegenheit. Und bei Heribert Friedland sieht die Sache denn auch völlig anders aus. Sie ist auf die Spitze getrieben.

Im engeren Sinne ist das Malen unter Verwendung wässriger, lasierender Farben in der Geschichte der europäischen Malerei relativ jung. Die Bezeichnung wird erst im 18. Jahrhundert gebräuchlich, auch wenn die Technik bereits 200 Jahre früher mehr und mehr bekannt wird. Das Papier, auf das die Farbe aufgetragen wird, ist Teil des künstlerischen Handelns – denn es wird nicht durch Farbe nur abgedeckt. Selbst vom Wasser durchtränkt, nimmt das Papier die Farbe regelrecht auf. Als Ergebnis zeigt sich ein Wechselspiel von Durchscheinen und Zurückstrahlen. Große Aquarellisten finden sich in der Kunst der Romantik, insbesondere in England, denken wir nur John Constable oder etwa an William Turner – beide stiften Heribert Friedland wichtige Referenzen. Frühe verbürgte Zeugnisse der Aquarellkunst finden sich in der Renaissance, zum Beispiel auch bei Albrecht Dürer. Und Dürer ist es, der trotz der scheinbaren Leichtigkeit der neuen Technik auf ihre Widerständigkeit hinweist: „Schwer ist das, dieses Arbeiten auf Papier schon“, schreibt er. Bei Heribert Friedland ist dieses Arbeiten auf Papier zu größter Blüte entwickelt, und zwar ohne sich dabei in bloßer Raffinesse zu erschöpfen. Im Gegenteil.

Für diese Ausstellung hat Heribert Friedland selbst ein Ausstellungskonzept entwickelt, das nicht nur kreativ und spannend ist, sondern auch typisch für ihn – unprätentiös, sehr präzise, durch und durch reflektiert und kontextbezogen im Gesamtzusammenhang seiner Kunst. Gezeigt werden seine Arbeiten gemeinsam mit Blättern aus der Graphischen Sammlung der Stadt Esslingen am Neckar. In diesem Zusammenhang darf ich darauf hinweisen, dass es Heribert Glatzel war, der die Graphische Sammlung inventarisiert, kuratorisch betreut und damit die Bedeutung dieser Sammlung mitbegründet hat. Die gezeigten Werke aus der Sammlung hat der Künstler Friedland mit der hervorragenden Kenntnis des Bestandes selbst ausgewählt. Er hat gezielt solche Werke von Künstlern ausgesucht, die ihm als Vorbild und als Inspiration dienen, auch solche, die Lieblingsblätter sind oder die in Fragen der Technik und der künstlerischen Umsetzung prekäre Fragestellungen aufwerfen. Es sind Werke darunter von Hercules Seghers, Ernst-Ludwig Kirchner, Joseph Beuys, Eduard Bergheer, Sonderborg, Wols und anderen.

Friedlands Bilder gingen von seinem Atelier in Esslingen und von seinem Wohnort in Aichelberg in die Welt, auch in große, bedeutende Museen. Nun, endlich sind sie wieder „zu Hause“ angekommen und werden hier in der Villa Merkel ausgestellt, an jenem Ort in Esslingen, welcher der internationalen Gegenwartskunst vorbehalten ist.

Ich hoffe, lieber Professor Heribert Glatzel, dass das Geschenk Ihnen Freude bereitet. Die Ausstellung ist eine Bereicherung und eine Einladung an uns Rezipienten. Es ist mir – und ich denke auch dem Publikum – eine spannende Herausforderung, in die kleinen, dafür nicht minder reichen und komplexen Welten einzutauchen, welche die Aquarelle entwerfen. Die Formate sind klein, die Bilder aber mächtig. In den Miniaturen von Heribert Friedland spiegeln sich das Unendliche und das Vergängliche der Schöpfung. In ihnen realisiert sich Größe und Würde. Sie sind nicht quasi im Vorübergehen mitzunehmen, sondern fordern von den Betrachtenden Kontemplation und Reflexion. Keine Ablenkung – statt dessen Konzentration und hohe Aufmerksamkeit. Heribert Friedlands Miniaturen sind Oasen der Ruhe und Konzentration, sie sind unverzichtbare, fundamentale und höchst produktive Widerstände in einer schnelllebig gewordenen Zeit.

Auf einige, auch kunsthistorische Zusammenhänge, wird Andreas Baur, der Leiter der Galerien im Folgenden eingehen. An ihn übergebe ich das Wort und danke sehr herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.