Redemanuskript

Thema / Anlass:100 Jahre Neckarhalde
Datum:09/27/2008
Zeit:02:30 PM
Ort:Festzelt im Heimstättenweg, Neckarhalde
Redner:OB Dr. Zieger

Es gilt das gesprochene Wort
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Begrüßung von Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger anlässlich „100 Jahre Neckarhalde“ im Festzelt im Heimstättenweg am Evangelischen Kindergarten Stahlackerweg; Neckarhalde,
27. September 2008, 14:30 Uhr

Sehr geehrter Herr Dr. Diehl,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Bürgerinnen und Bürger,

ganz herzlich heiße ich Sie im Namen der Stadt Esslingen, ihres Gemeinderats, aber auch persönlich willkommen zur Feier des Jubiläums 100 Jahre Neckarhalde.

Die Neckarhalde ist die erste der drei Esslinger Siedlungen Neckarhalde – Gartenstadt – Sirnau, aber natürlich hat das Gebiet auf den Esslinger Höhen schon länger für die alte Stadt Esslingen eine wichtige Bedeutung:
- die Neckarhalde war schon immer den Esslingern ein Erholungsgebiet, das zum Spaziergang und zum Wandern einlud und einlädt;
- der Weinbau im Aufgang der Neckarhalde war und ist ein wichtiger Wirtschaftszweig für die Stadt;
- auch aus kulturgeschichtlicher Sicht spielte die Neckarhalde eine Rolle – hier malte um 1840 der Maler Johannes Braungart sein berühmtes Aquarell „Esslingen am Neckar – Gesamtansicht von der oberen Neckarhalde“; hier schlenderte mehrfach der große österreichische Schriftsteller Robert Musil während seiner Stuttgarter Zeit, um Esslingen zu besuchen.

Es war eine Stuttgarter Initiative, die zur Gründung der Siedlung Neckarhalde führte. 1906 entstand dort der „Verein zur Begründung ländlicher Heimstätten“. Der Verein hatte Ziele des Landwirts Walter von Gizycki übernommen, der die Anregung gegeben hatte, weniger Begüterte auf dem Lande anzusiedeln, um ihnen – auf dem Weg über Genossenschaften – Wohnraum und Nebenerlöse aus dem Obst- und Gartenbau zu verschaffen.

Eines der ersten Mitglieder des neuen Vereins war der Esslinger Fabrikant Kommerzienrat Dick, der erfolgreich mit der Stadt Esslingen Verbindung aufnahm, um von ihr geeignetes Gelände zu erhalten.

Am 26. August 1908 genehmigten in gemeinsamer Sitzung der Gemeinderat und der Bürgerausschuss den Verkauf des 10 Hektar umfassenden städtischen Gebiets auf der Sulzgrieser Heide, dem Höhenrücken zwischen Neckar im Westen und Geiselbach im Osten.

Kurz darauf – am 11. Oktober 2008 – gründete sich die „Erste Esslinger Heimstättengenossenschaft Neckarhalde, eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht“, dem eine Reihe prominenter Esslinger sofort beitrat.

Das – übrigens für den Preis von 38.952,96 Mark, also 40 Pfennig pro Quadratmeter – erworbene Gelände schien allerdings wenig geeignete Voraussetzungen für einen neuen Ortsteil zu besitzen: für Fahrzeuge war es nur über einen 5 Kilometer langen Umweg über Sulzgries zu erreichen, für eine Wohnbebauung war es ungeschützt, man sprach von „Windheim“ oder „Sturmhausen“.

Dennoch erreichte das Projekt eine überraschende Bekanntheit und Anerkennung, vielleicht auch wegen der günstigen Preise der neuen Heimstätten – das billigste Haus sollte 6.200 Mark kosten. Die Gas- und Wasserversorgung wurde von Anfang an von Sulzgries und Hohenacker her eingeplant. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde die Straßenbeleuchtung noch durch die Gaslaternen betrieben.

Rasch zeichneten Interessenten aus Stuttgart, aber auch aus Frankfurt, München und Essen Anteile an der neuen Genossenschaft, so fanden sich unter den Neueinzeichners des Jahre 1910 ein Maler, ein Mechaniker, ein Installateur, ein Magnetopath, ein Naturheilkundiger, ein Werkführer, ein Kaufmann, ein Wagner, ein Seminaroberlehrer, ein Schneider, ein Postexpeditor, ein Metallschleifer, ein Schriftsetzer und viele andere, also eher der handwerkliche Mittelstand denn die ursprünglich beabsichtigten Arbeiter und Minderbegüteten.

Bis Ende 1909 waren bereits 10 Häuser vollendet, bewohnt von 51 Personen. Ein Jahr später waren es bereits 16 mit 79 Bewohnern und 22 Häuser waren notariell verkauft. Gemäß des Vertrags mit der Stadt hatten die Heimstättenbesitzer ihre Grundstücke gärtnerisch anzulegen und zu nutzen. Demnach wurden Obst- und Gartenbau betrieben, aber auch Kleintierzucht. Die Werbeschrift für die Neckarhalde von 1910 pries denn auch den reichen Segen an Birnen, Äpfeln und Erdbeeren, aber auch die Kleintierhaltung: „Die meisten Heimstättenbesitzer haben sich Hühnergehege aus Drahtgeflecht herrichten lassen, in denen auch Stallhasen munter zwischen den Hühnern herumspringen. Einige halten sich dazu noch Ziegen, von denen sich als sehr milchreich die Schwarzwaldziege ... bewährt hat“. Zu einer ausgedehnten genossenschaftlichen Vermarktung kam es allerdings nicht – wahrscheinlich waren die Erträge zu gering und wurden zu weiten Teilen zur Selbstversorgung genutzt.

In der Not der Zwanziger Jahre stellte die Stadt ein weiteres – 60 Ar umfassendes – Gelände zur Verfügung. Die Differenz aus dem Kaufpreis und dem Wiederverkauf floss der Genossenschaft zu, die damit Gemeinwesenaufgaben finanzierte – vor allem den Ausbau der Wege und Straßen und den Bau des sogenannten Genossenschaftshauses, das den Einzug eines Konsum ermöglichte und einen öffentlichen Backraum sowie eine Mosterei vorsah.

Die Bauern aus Sulzgries standen der Gesamtentwicklung eher skeptisch gegenüber: einerseits hatten sie ersatzlos Land abtreten müssen, andererseits erregte die neue Nachbarschaft durchaus gemischte Gefühle. So schrieb zum Beispiel der Sulzgrieser Pfarrer noch 1919: „Vollends auf der Heimstätte wohnen allerlei Geister zusammen: Finstere Fanatiker ... exaltierte Idealisten ... darunter ein Tübinger Luginsländler, das heißt ein Theologe, der aus der Kirche ausgetreten und inzwischen mit seiner Frau bei Spartakus, also bei den Kommunisten eingetreten war ... halbverrückte Wunderlinge, dann Sektierer jeder Art ... Insgesamt ist die Heimstätte im geistig-religiösen Leben leicht erregbar.“ Andere Bewohner aus Sulzgries berichteten gar von Freikörperkultur, die auf der Neckarhalde gepflegt würde.

Glücklicherweise gehören die Vorbehalte der Vergangenheit an und heute herrscht freundschaftliche Nachbarschaft im Stadtteil.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die Neckarhalde einen Kindergarten erhalten, in dem später auch der regelmäßige Kindergottdienst abgehalten wurde, später folgten Bibelstunde und gelegentlicher Erwachsenengottesdienst. Mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verwischten sich auch die sozialen und beruflichen Unterschiede zwischen der Neckarhalde, Sulzgries, Rüdern und Krummenacker und frühere Feindseligkeiten und Gegensätze verschwanden rasch. Die Neckarhaldenbewohner fühlten sich nun den übrigen nördlichen Esslinger Stadtteilen zugehörig.

Die Neckarhalde ist Ortsteil von RSKN – Rüdern, Sulzgries, Krummenacker und Neckarhalde – gehören zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in dieser Halbhöhenlage Esslingens verschiedene Baugebiete erschlossen, so dass ein großer und selbstbewusster Stadtteil heranwuchs. Heute hat RSKN 8539 Einwohner, 1850 waren es nur 1200.

Da wenig weitergehende Bautätigkeit auf der Neckarhalde zu erwarten war, stellte sich bald die Frage, ob es sich angesichts geringer verbleibender Aufgaben überhaupt noch lohne, die Genossenschaft und die damit verflochtenen Verbindungen im Grundstücksverkehr aufrecht zu erhalten. 1958 – also genau vor 50 Jahren – sprach sich die Mehrzahl der Mitglieder für die Auflösung der Genossenschaft aus.

Nach dieser Auflösung fiel die Preisbindung der Grundstücke weg. Als zudem in den 60er und 70er Jahren die Kanalisation eingeführt und ein neuer Bebauungsplan beschlossen wurde, der die Aufteilung der Gärten und die Bebauung der Randstraßenaußenseiten ermöglichte, zählten die neuen Bauplätze auf der Neckarhalde zu den begehrtesten in Esslingen, zumal die bessere Erreichbarkeit und ein neues Verhältnis zu Wohnlagen mit umgebender Natur die Attraktivität anfachte.

In die neuen Häuser sind keine „minderbemittelten Volkskreise“, wie es 1909 hieß, eingezogen. Manches ältere Haus wurde umgestaltet oder durch einen Neubau ersetzt und das Gesamtbild änderte sich nachhaltig – geblieben allerdings sind die Einzelhäuser in Gärten. Die Neckarhalde in RSKN besitzt wie der gesamte Stadtteil hohe Wohnqualität, in ihm ist heute das Zusammengehörigkeitsgefühl besonders ausgeprägt.

So hat sich hier auf der Neckarhalde in 100 Jahren etwas entwickelt, was musterhaft für die Bürgerschaft ist: „Von der Genossenschaft zur guten Nachbarschaft“ ist der Untertitel Ihres Jubiläumsfestes und das Wohngebiet Neckarhalde und der Stadtteil RSKN zeichnen sich durch eine freundschaftliche Nachbarschaft und vielfältig gemeinsam geteilte Interessen, Aktivitäten und gemeinsame kommunalpolitische Stimme aus. Ich bin mir übrigens sicher, dass sich auch aus dem Vermächtnis von Herrn Richard Clauss für ein Bürgerhaus in RSKN ein weiteres Fundament für eine lebendige Stadtteilgemeinschaft ergeben wird. Dafür ist den Förderern und Wegbereitern, der gesamten Bewohnerschaft und dem sie vertretenden Bürgerausschuss zu danken.

Ich wünsche Ihnen ein schönes und anregendes Jubiläums-Wochenende, viel Freude und Spaß und ein weiteres Blühen des Orts- und des Stadtteils.