Redemanuskript

Thema / Anlass:Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an
Johannes Schultheiß
Datum:10/19/2017
Zeit:04:00 PM
Ort:Schickardthalle Altes Rathaus
Redner:Herr OB Dr. Zieger

Sehr geehrter Herr Schultheiß,
sehr geehrte Frau und Familie Schultheiß, - Sperrfrist bis 16.00 Uhr -
meine sehr geehrten Damen und Herren,

Baden – Württemberg feierte im April 2002 sein 50 jähriges Bestehen; unser Bundesland ist dieses Jahr also 65 Jahre jung geworden.

Nach wie vor gilt, dass Baden – Württemberg ein Bürgerland ist; ein Land, sich durch das Miteinander der Kulturen, seine wirtschaftsstarken Städte mit hoher Lebensqualität, seine große Vereinsdichte und durch der Bereitschaft von gut 40 % seiner Bürgerinnen und Bürger auszeichnet, ein Ehrenamt auszuüben.

Gerade auch in Esslingen hat bürgerschaftliches Engagement Tradition und ein breites Fundament. Ehrenamt, bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe sind die unverzichtbaren Voraussetzungen für gelebte Demokratie und ein humanes Miteinander. Unsere Gesellschaft ist auf gelebte Leitbilder angewiesen; sie braucht Menschen – so drückte es einst der amerikanische Präsident John F. Kennedy aus – die nicht nur fragen, was der Staat für sie tun kann, sondern die im Gegenteil wissen wollen, was sie für den Staat tun können.

Der Mensch, zu dessen Ehren wir uns heute hier im Esslinger Alten Rathaus versammelt haben, handelt seit Jahrzehnten nach diesen Maßstäben; stellt sich und seine Lebenserfahrungen in den Dienst an der Allgemeinheit und einer Fülle gemeinnütziger Ehrenämter.

Längst überfällig, werden Sie, lieber Herr Johannes Schultheiß, deshalb heute geehrt. Herr Bundespräsident Joachim Gauck noch, hat Ihnen auf Vorschlag des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann für
Ihre – ich zitiere: um Volk und Staat erworbenen besonderen Verdienste – das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Die Übergabe der hohen staatlichen Auszeichnung führt uns heute hier in der Schickhardthalle des Esslinger Alten Rathauses zusammen und ich freue mich sehr, Ihnen Orden und Urkunde persönlich überreichen zu dürfen.

Sie sind gebürtiger Esslinger – von Beruf selbständiger Bäckermeister in der seit 1886 mittlerweile fünften Generation der Stadtbäckerei Schultheiß. Sie betreibt alleine in Esslingen 8 Filialen und hat in der unmittelbaren Nachbarschaft: Stuttgart, Ostfildern, Denkendorf, Filderstadt, Neuhausen, Wolfschlugen und Plochingen weitere Standbeine.
Das Unternehmen setzt auf die Grundwerte „Handwerk, Qualität und Regionalität“ – „süchtig“ (so steht es auf dessen Homepage) nach guten Backwaren; nach echter Handarbeit für natürlichen Geschmack und einem garantierten Verzicht auf Fertigmischungen, Konservierungsstoffe und künstliche Backmittel in den Backstuben; verpflichtet vielmehr bewahrter Tradition eigener Teigrezepturen und traditionellen Herstellungsverfahren als Garant für Genuss und Gaumenfreuden.

Seit nunmehr bald 5 Jahrzehnten, schlägt Ihr Herz für Ihren Berufsstand.

Nach der allgemeinen Schulausbildung absolvierten Sie, Herr Schultheiß, auf eine Lehre im Bäckerhandwerk. 1971 legten Sie vor dem Meisterprüfungsausschuss der Handwerkskammer Region Stuttgart die Meisterprüfung im Bäckerhandwerk ab. Das anschließende Studium „Lebensmitteltechnologie“ schlossen Sie 1974 als Diplom Ingenieur für Lebensmitteltechnologie ab. Im Jahre 1984 übernahmen Sie zusammen mit Ihrem Bruder Wolfgang die Stadtbäckerei Schultheiß - mit dem 1993 neu eingeweihten Firmensitz in Ostfildern-Nellingen. Längst ist Ihr mittelständisches Unternehmen ein bedeutender Arbeitgeber in der Region.

Beruflich wie auch ehrenamtlich blicken Sie, lieber Herr Schultheiß, auf ein umfangreiches Engagement; auf Bundes-, Landes-, Regional- und Kreisebene gleichermaßen. Im vergangenen Jahr haben Sie diesen Einsatz zwar beendet und Ihre Ehrenämter abgegeben. Als Ehrenmitglied des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks, Ehrenlandesinnungsmeister sowie Ehrenobermeister Ihrer Bäckerinnung Alb-Neckar-Fils sind Sie und Ihre reichhaltigen Erfahrungen jedoch weiterhin involviert.

Anlässlich Ihrer Ehrung heute, möchte ich auf Ihr jahrzehntelanges gemeinnütziges Wirken gerne etwas ausführlicher blicken:

Als Mitglied des Gesamtvorstands des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks e.V. ab 2002 haben Sie sich gewissenhaft und mit außerordentlichem Engagement für die Belange des Bäckerhandwerks eingebracht.
Bei der BÄKO Bundeszentrale Bad Honnef – der seit 2003 BÄKO Marken und Service eG mit Sitz in Bonn – wirkten Sie 20 Jahre im Aufsichtsrat und danach in deren Vorstand; stets ziel- und sachgerichtet und als einer, der mit herausragenden analytischen Fähigkeiten ausgestattet stets besonnen überlegte, bevor er eine Position einnahm oder sich entschied.

Das Wohl des Bäcker- und Konditorenhandwerks und der zugehörigen Wirtschaftsorganisation BÄKO sowie die Entwicklung, Förderung und Verbreitung des genossenschaftlichen Gedankens standen dabei immer im Vordergrund Ihres Handelns.

Seit 1991 trugen Sie im Aufsichtsrat der damaligen BÄKO-Zentrale Württemberg eG Verantwortung. Sie begleiteten in den 1990er Jahren die Fusion mit der BÄKO Bayern eG, der Landeszentrale Bayerischer Bäcker- und Konditorengenossen-schaften eG in Nürnberg und 1999 dann die weitere Fusion dieser BÄKO Zentrale Bayern-Württemberg eG mit der BÄKO-Zentrale Süd-West eG in Laden-burg, dem heutigen Sitz der BÄKO-Zentrale Süd-deutschland eG. Im Dezember 2001 wurden Sie in den Vorstand dieser nun sehr großen Zentral- genossenschaft gewählt und stellten sich damit einer Aufgabe mit beachtlicher Verantwortung. In all den Jahren haben Sie selbst mit hoher Kontinuität darauf geachtet, dass die genossenschaftlichen Grund-prinzipien gewahrt blieben. Die BÄKO als Instrument zur Selbsthilfe des backenden Handwerks hatte für Sie zur Zukunftssicherung herausragende Bedeutung.

Es war Ihr stetes Anliegen, die Interessen und den Nutzen für die Basis der BÄKO, die selbständigen Bäcker- und Konditorenmeister, herauszustellen und zu sichern. Die Mitgliedschaft im Vorstand der BÄKO-Zentrale Süddeutschland eG brachte auch für die nebenamtlichen Vorstände einen erheblichen Zeitaufwand mit sich. Zu sehen ist dabei nicht nur die aktive Teilnahme an den Vorstandssitzungen und den gemeinsamen Sitzungen von Vorstand und Aufsichtsrat. Es kamen im Laufe der Jahre viele einzelne Abstimmungen und zusätzliche Sitzungen sowie Außentermine zustande, die Sie vor allem in den letzten Jahren sehr stark in Anspruch genommen haben. Ein bedeutendes Projekt ist die Führung der BAKO Hungaria, einer Unternehmenstochter in Ungarn. Diese ursprünglich als Genossenschaft geplante und zumindest so geführte, BÄKOgleiche Großhandlung, hat, wie das ganze Land Ungarn selbst, in den letzten Jahren schwere Zeiten hinter sich gebracht. Für sie war es ein enormer Reise- und Tagungsaufwand, der sich z.B. aus dem Abwenden einer Insolvenz wie auch dem Wiederaufbau der vormaligen Marktposition ergeben hat. Ein Projekt, das Sie mit hohem persönlichem Engagement und Herzblut begleitet haben; wie den Bäckern und Konditoren in Ungarn geholfen werden kann.

Diese Aufgabenstellung brachte zudem eine sehr starke emotionale Belastung mit sich. Immerhin hingen und hängen in Ungarn auch viele Arbeitsplätze, Familien und Leistungen für das backende Handwerk am Projekt BAKO Hungaria. Die herausragende Integrität und große Bereitschaft von Ihnen, Herrn Schultheiß, sich allen anstehenden Aufgaben zu stellen und diese immer wieder sachlich und kompetent mitzugestalten, ist besonders hervorzuheben. Ihr ausgleichendes Wesen, die nachhaltige Betrachtung der entsprechenden Fragestellungen und Themen sowie die weitsichtige Begleitung von Entscheidungen zeichneten Sie aus. Sie haben sich sehr um den Aufbau der BÄKO Organisation und deren Weiterentwicklung zu einer starken Säule für das backende Handwerk verdient gemacht.

Ab 2004 gehörten Sie auch dem Aufsichtsrat der Signal Iduna Pensionskasse, Dortmund, an.

Ich komme zum Landesinnungsverband des Württembergischen Bäckerhandwerks e.V. Hier waren Sie ab 1984 Vorstandsmitglied und von 1986 bis 2002 stellvertretender Landesinnungsmeister. Bis Ende letztes Jahr engagierten Sie sich als Landesinnungsmeister und wirkten darüber hinaus auch als Vorsitzender im Schulverein der Württembergischen Bäckerfachschule e.V.

In der früher selbständigen BÄKO Esslingen, die auf Ihr maßgebliches Betreiben hin zum 1.1.1994 mit der BÄKO Region Stuttgart eG verschmolzen wurde, saßen Sie ab 1986 im Aufsichtsrat und waren zuletzt dessen Vorsitzender. Ab 1994 standen Sie in der Folge dem Aufsichtsrat der BÄKO Region Stuttgart eG vor und haben entscheidend daran mitgewirkt hat, dass sich die BÄKO Region Stuttgart eG durch weitere Verschmelzungen in den letzten 20 Jahren zu einer der großen BÄKO-Lokalgenossenschaften mit einem Jahresumsatz von 163 Mio. € und 230 Beschäftigten entwickelte.Sie förderte gezielt die Mitgliedsbetriebe und das Backhandwerk.

Das Regierungspräsidium Stuttgart / Nordwürttemberg berief Sie von November 1979 bis zu Ihrem Ausscheiden im Mai 2002 als ehrenamtliches Mitglied des Meisterprüfungs-ausschusses im Bäckerhandwerk für den Kammerbezirk.

Bis November 1985 waren Sie dabei Beisitzer aus dem nichtselbständigen, danach Beisitzer aus dem selbständigen Meisterstand.

Auf der Kreisebene waren Sie ab dem Jahr 1984 in der Bäckerinnung als Obermeister ehrenamtlich tätig. Zuerst in der Bäckerinnung Esslingen und ab 2001 schließlich in der Bäckerinnung Alb-Neckar-Fils. Sie leiteten die Innung mit Weitblick und vertraten die Interessen der selbständigen Bäckermeister einerseits gegenüber der Öffentlichkeit. Andererseits informierten Sie in zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen, Presseinterviews und Auftritten Verbraucher und Kunden über das Bäckerhandwerk und seine Backwaren. In einem zunehmend schwieriger werdenden Umfeld für kleine und mittlere Bäckereiunternehmen waren Sie im Jahre 2000 der Wegbereiter zu einer weitgreifenden Innungsfusion. Ziel war es, den Betrieben eine sehr gute Innungsorganisation an die Seite zu stellen, die ihre Mitglieder in betrieblichen Belangen unterstützen sollte. Aus acht kleineren Innungen (Reutlingen,Tübingen, Esslingen, Nürtingen-Kirchheim, Geislingen, Göppingen, Schwäbisch Gmünd und Aalen) wurde die Bäckerinnung Alb-Neckar-Fils. Sie war zu dieser Zeit mit über 300 Mitgliedern die größte Bäckerinnung in Deutschland.

Zudem waren Sie 2001 auch der Initiator der ersten großen Social-Sponsoring-Aktion dieser neuen Innung. In Zusammenarbeit mit Brot für die Welt haben zahlreiche Innungsbetriebe „Das Brot für die Welt“ gebacken. 150.000 Brote wurden verkauft und eine Spende von 7.500,-- € für Brot für die Welt erlöst. Seither besteht ein hervorragender Kontakt zu „Brot für die Welt“, der mit nahezu jährlichen Spendenaktionen über die Innungsgrenzen hinaus ausgebaut wurde.

Im Jahre 1986 wurden Sie in den Aufsichtsrat der Esslinger Bank eG gewählt und waren in diesem Gremium bis zur Fusion mit der Volksbank Esslingen eG im Jahre 1999 tätig. In dieser ganzen Zeit haben Sie auch dem Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates angehört. In den Jahren 1998 / 1999 begleiteten Sie die Fusion zwischen der Volksbank Esslingen eG und der Esslinger Bank eG und wirkten an einem guten Zusammenschluss der beiden Kreditinstitute mit. In der Vertreterver-sammlung im Februar 1999 wurden Sie in den Aufsichtsrat der Volksbank Esslingen eG gewählt und gehörten diesem Gremium bis 2002 an. Sie haben im Prüfungsausschuss mitgearbeitet und sich viele Jahre als Aufsichtsratsmitglied uneigennützig und mit erheblichem Zeitaufwand für die Belange der Esslinger Bank eG bzw. Volksbank Esslingen eG eingesetzt.

Last but not least möchte ich noch Ihren Einsatz für das erste stationäre Hospizhaus im Landkreis Esslingen ansprechen würdigen.

Laufen - lieber Herr Schultheiß - ist eine große Leidenschaft von Ihnen, die Sie auch in den Dienst einer guten Sache gestellt haben. Um den Bau des Esslinger Hospizhauses zu unterstützen, das die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Esslingen 2014 in Oberesslingen in Betrieb genommen hat, absolvierten Sie sieben Langstreckenläufe in sieben Monaten und legten dabei 250 Kilometer und 6.700 Höhenmeter zurück. In Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis warben Sie vorab um Sponsoren, die jeden zurückgelegten Kilometer mit einer bestimmten Summe unterstützten. Knapp 27.000 Euro haben Sie auf diese Weise „erlaufen“ und dem Hospizhaus „Beine gemacht“, wie Dekan Bernd Weißenborn bei der Spendenübergabe betonte. Das Thema Hospiz in die Gesellschaft zu tragen und sich für eine Gruppe einzusetzen, die in der Gesellschaft keine Lobby hat, war Ihnen, Herr Schultheiß, ein Herzensanliegen. Für den Bau und die Einrichtung des Hospizhauses musste die evangelische Kirche in Esslingen gut 2,7 Millionen Euro aufbringen.

Der laufende Betrieb der Einrichtung bedarf eines jährlichen Zuschusses in Höhe von rund 150 000 Euro. Das Haus braucht also dauerhafte Unter-stützung und Aktivitäten, wie die von Ihnen eingebrachte.

Für Ihr vielfältiges Engagement für unsere bürgerliche Gemeinschaft bedanke ich mich an dieser Stelle ganz besonders herzlich. Und ich sehe Ihre Auszeichnung, Herr Schultheiß, mit dem Bundesverdienstkreuz stellvertretend als Ausdruck und Anerkennung Ihres Wirkens um das Bäckerhandwerk wie die Gesellschaft.

In diesem Sinne bitte ich Sie, Herr Schultheiß, nun zu mir nach vorne, um die hohe staatliche Ehrung entgegenzunehmen. Alles Gute für Sie; vor allem eine robuste Gesundheit für Ihren weiteren Einsatz im Dienste der Allgemeinheit. Ich danke Ihnen.