Redemanuskript

Thema / Anlass:Grußwort zur Festveranstaltung zum 150. Todestag von Karl Pfaff und zum 125-jährigem Jubiläum des Chorverbandes
Datum:11/12/2016
Zeit:05:00 PM
Ort:Osterfeldhalle, Esslingen-Berkheim
Redner:Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger

Sehr geehrter Herr Abgeordneter Drexler,
sehr geehrte Frau Dr. Leuze-Mohr,
sehr geehrte Vertreter der Faktionen im Kreistag Esslingen,
sehr geehrter Herr Dr. Schmidt,
sehr geehrter Herr Dr. Eckhardt Seifert (der bisherige und langjährige Präsident des Schwäbischen Chorverbands),
sehr geehrter Prof. Hans Herzinger,
sehr geehrter Herr Goldmann,
sehr geehrte Mitglieder des Chorverbands Karl Pfaff,
sehr geehrte Sängerinnen und Sänger,

vielen Dank für die freundliche Begrüßung. Vor 150 Jahren, am 6. Dezember 1866, verstarb in Esslingen, wo er jahrzehntelang gewirkt hatte, Karl Pfaff. Schon zu Lebzeiten von der Stadt für seine Verdienste mit dem Bürgerrecht geehrt, gibt es noch heute zahlreiche „Erinnerungsorte“ in unserer Stadt und darüber hinaus, die auf Karl Pfaff und sein Wirken in und für diese Stadt verweisen: Sein bald nach seinem Tod von den Sängern gestiftetes Denkmal auf der Maille, die Straße in der Pliensauvorstadt, die seinen Namen trägt, natürlich den Chorverband Karl Pfaff, der mit Stolz heute seinem spiritus rector huldigt, die Biographie, die ihm der unvergessene Otto Borst gewidmet hat, aber auch die Werke von Karl Pfaff selbst – etwa seine in Teilen noch immer gültige Stadtgeschichte – sowie schließlich auch die noch vorhandenen Stätten seines Wirkens und die von ihm geprägten Institutionen wie unser Stadtarchiv oder das heutige Georgii-Gymnasium.

Pfaff, 1795 geboren, gehört zu den erstaunlichen Menschen, vor allem des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die auf einer Vielzahl von Gebieten mit einer staunenswerten Arbeitskraft ganz Herausragendes geleistet haben: auf dem Gebiet der Pädagogik, der Literatur und Poesie, dem Journalismus, der Geschichtsschreibung, dem Archivwesen, der Politik in unterschiedlichen Facetten, natürlich auch der Musikpflege und dem Vereinswesen allgemein. Und es kann einen angesichts dieser Produktivität und Lebensleistung schon auch der Gedanke beschleichen, dass uns die vielfältigen technischen Neuerungen seit dem 19. Jahrhundert nicht nur zeitliche Räume geschaffen haben. Insbesondere bei den modernen Kommunikationsmedien darf man da durchaus skeptisch sein.

Trotzdem darf man die Frage stellen: Was zeichnet aus der Fülle bedeutender Persönlichkeiten, die mit Esslingen im Laufe seiner reichen Geschichte verbunden waren, Karl Pfaff aus? Mir erscheinen besonders zwei, miteinander verbundene Aspekte dieses Lebens ganz besonders und der Erinnerung wert: Zum einen die bereits angesprochene Vielfalt seiner Interessen, Talente und schöpferischen Aktivitäten, die noch heute für viele Menschen Anknüpfungspunkte bieten. Zum anderen der für das 19. Jahrhundert charakteristische Bürgersinn, die Orientierung am Nutzen und Besten der Gemeinschaft, die allen Aktivitäten Pfaffs – als Demokrat, als Pädagoge, als Sänger, als Historiker, als Publizist usw. – zugrunde lag. Als Esslinger, Württemberger und Deutscher hat sich Pfaff vor allem eingemischt und eingebracht, für Freiheit, Gemeinsinn und Identität geworben und gekämpft. Er verbindet somit seine unbestreitbare Leistung auf vielen Gebieten mit einer genuin politischen und bürgerschaftlichen Haltung: Diese Kombination macht ihn besonders. Wer den umfangreichen Vortrag zu Karl Pfaff am 21. Oktober gehört hat, der weiß, dass Karl Pfaff durchaus streitbar war und insbesondere mit der konservativen Bürgerschaft aber auch anderen Obrigkeiten seine Reibungspunkte hatte. Und solche Menschen braucht jede Stadt und jede Gemeinschaft noch heute. Auch daran wollen wir erinnern.

Heute gedenken wir natürlich vorrangig Karl Pfaffs Wirken in der Sängerbewegung. Auch hier hinterließ er Spuren in Esslingen, die bis heute zu sehen sind: Er war an der Gründung des Esslinger Liederkranzes 1827 beteiligt, der einer der ersten Vereine unserer Stadt war, und wirkte dort lange Jahre als Erster Vorsitzender. Karl Pfaffs Denken ging aber weit über einen Stadtverbund hinaus. Er beförderte die Sängerbewegung als Vordenker des Schwäbischen und des Deutschen Sängerbundes, die für den glühenden Patrioten und Demokraten politische Wirkungsfelder waren. In diesem Kontext scheint die Benennung eines Chorverbands, dessen Mitgliedschöre überwiegend im Landkreis Esslingen ansässig sind, nach Karl Pfaff fast zwangsläufig. Man kann hier sicherlich keinen würdigeren und passenderen Namensgeber finden. In diesem Sinne erinnere ich mit Hochachtung an einen besonderen Esslinger und gratuliere sehr herzlich zum 125. Jubiläum des Chorverbands Karl Pfaff.