Redemanuskript

Thema / Anlass:Eröffnung der Ausstellung „Dicker als Wasser. Konzepte des Familiären in der zeitgenössischen Kunst“
Datum:12/18/2016
Zeit:11:00 AM
Ort:Villa Merkel
Redner:OB Dr. Jürgen Zieger

Sehr geehrte Damen,
sehr geehrte Herren,
sehr geehrte Gäste und
liebe Freunde der Villa Merkel,

Vater – Mutter – Kind, diese Konstellation zeichnet das am einfachsten denkbares Bild dessen, was wir Familie nennen. Doch der Begriff des Familiären ist gegenwärtig starken Kräften ausgesetzt, die Veränderung, Anpassung, aber auch Vielfalt bedeuten. Zahlreich sind die Spielformen des Familiären in der modernen Gesellschaft. Gleiches gilt für das Inventar familiärer Akteure – bis ins 18. Jahrhundert fasste der Begriff Familie die gesamte häusliche Gemeinschaft, im Übrigen einschließlich Gesinde! Erst danach hat sich die bürgerliche Kleinfamilie etabliert. Und heutzutage? Oftmals ergänzen mittlerweile sogar nicht-menschliche Akteure den Familienverbund: Reproduktionsmediziner bieten Reagenz-Befruchtungen, wobei gelegentlich mehr als zwei Akteure zum Zuge kommen. Oder es schlagen Avatare Brücken zur Virtual Reality; Roboter erledigen Pflegedienste und helfen bei der Erledigung von Alltagsaufgaben im Haushalt oder es erweitern Haustiere den Kosmos privater Intimität.

Familie ist die erste Einheit von erlebter Gemeinschaft. Sie prägt. Zugleich liegt in ihrer Bedingungslosigkeit auch eine Spur von Unausweichlichkeit. Darin mag begründet liegen, dass sich in manchen Familien gar regelrechte Dramen abspielen. In anderen hingegen werden Entwürfe von Glück und gelingender Gemeinschaft erprobt – durchaus mit Erfolg.

Die Ausstellung „Dicker als Wasser. Konzepte des Familiären in der zeitgenössischen Kunst“ greift also große Themen auf. Themen von enormer Relevanz für das gesellschaftliche Zusammenleben. „Dicker als Wasser“ bietet dabei dreizehn jungen internationalen Künstlerinnen und Künstlern sowie einer Produktionsgemeinschaft einen Auftritt. Verhandelt werden in den Beiträgen zur Ausstellung etwa das Verhältnis von Subjektivität und Familienbande oder Aspekte von nur mehr ganz leisen, flüchtigen Verbindungslinien zwischen Mitgliedern einer Familie. Zum Thema werden auch Rituale, Regeln und interne Verabredungen, womit zugleich auch sehr viel über die heutigen Gesellschaften ausgesagt wird, über ihre Werte und ihre Normen.

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, „Dicker als Wasser“ ist nach der Präsentation im Kunstpalais Erlangen nun in der Villa Merkel auf zweiter und zugleich erweiterter Station zu sehen. Das Projekt hat, übertragen gesprochen, mit Omer Fast und Byung Chul Kim zwei weitere Kinder bekommen. Die Familie ist also gewachsen.

Es freut mich sehr, dass „Dicker als Wasser“, Ausstellung und Katalog, in Kooperation entstanden sind. Die Villa Merkel konnte mit dem Kunstpalais Erlangen einen neuen strategischen Partner gewinnen. Mein besonderer Dank gilt Amely Deiss, der Leiterin des Kunstpalais, für das entgegengebrachte Vertrauen und die sehr konstruktive Zusammenarbeit. Frau Deiss darf ich heute sehr herzlich in Esslingen begrüßen. Sie ist in Begleitung einiger Mitglieder ihres Teams hierher gereist. Ebenfalls gilt Ina Neddermeyer ein besonderer Dank, seit Anfang des Jahres ist sie die Leiterin der Kunstabteilung am Zeppelinmuseum in Friedrichshafen. Sie hatte die Idee zur Ausstellung und das Konzept auf den Weg gebracht. Auch sie heiße ich herzlich hier in Esslingen willkommen und wünsche, sie möge ihre Ideen in der Ausstellung adäquat umgesetzt finden.

Ein großes Dankeschön gilt allen ausstellenden Künstlerinnen und Künstlern für ihre vielschichtigen und präzise argumentierenden Beiträge zum Thema. Sie haben ihre Werke, insbesondere die raumgreifenden Installationen, an die Bedingungen der Villa Merkel angepasst und den Aufbau der Ausstellung tatkräftig unterstützt. Gerne begrüße ich auch sie. Dank gilt allen Leihgebern für ihr Entgegenkommen und nicht zuletzt auch Andreas Baur und dem Team der Villa Merkel, das die Ausstellung sehr genau und entsprechend höchster Standards eingerichtet hat. Der Ausstellungsparcours verspricht Spannung pur und bietet durchaus auch Überraschungen.

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, ich erinnere es noch sehr genau, wie in der Folge der 68er-Bewegung „Familie“ als eine negativ konnotierte Schicksalsgemeinschaft aufgefasst wurde, aus der es auszubrechen galt. Nur das versprach Freiheit, Aufbruch, das Erproben neuer Formen von Glück. Eingefahrene Rollenmuster wurden über Bord geworfen und an die Stelle natürlich gewachsener Familienverbünde traten freigewählte Verbindungs-Konstrukte.

Und heute darf man der Familie, trotz des großen Drucks, der auf sie wirkt, wünschen, sie möge zugleich als kleinste Einheit von Gemeinschaft genau der Kitt bleiben, der die Gesellschaft ein großes Stück weit auch zusammen hält.

Und damit danke ich für Ihre Aufmerksamkeit und übergebe das Wort an Andreas Baur.