Redemanuskript

Thema / Anlass: Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
Datum:01/27/2017
Zeit:
Ort:Salemer Pfleghof
Redner: Bürgermeister Ingo Rust

Sehr geehrter Herr Dr. Geiger,
sehr geehrter Herr Prof. Thierfelder,
sehr geehrter Herr Dr. Röhm,
sehr geehrter Herr Dekan Weißenborn,
meine Damen und Herren des Gemeinderats,
liebe Schülerinnen und Schüler,
liebe Esslinger Bürgerinnen und Bürger,
sehr verehrte Gäste,
meine sehr verehrten Damen u. Herren,

im Namen von Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger, des Esslinger Gemeinderats und der gesamten Bürgerschaft heiße auch ich Sie zur „Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus“, hier im Salemer Pfleghof, herzlich willkommen.

Wenn ich heutzutage in die Welt blicke, fühle ich mich zunehmend mit beängstigenden Entwicklungen konfrontiert. Dieses ungute Gefühl – und da werden Sie mir sicher beipflichten – hat sich seit vergangenem Freitag, dem 20. Januar, nicht gebessert. Nicht nach den Reden und Gesten die wir an diesem Tag aus Washington hören und sehen mussten. In den vergangenen Jahren haben viele Staaten ihr Gesicht verändert. Staaten mit denen uns Partnerschafen, ja Freundschaften verbinden. Staaten von denen wir bis vor kurzem dachten sie wären politisch stabil und auf einem unaufhaltsamen Weg der zunehmenden Demokratisierung unterwegs.

Man muss da Russland nennen, natürlich die Türkei, aber auch - innerhalb der EU – Polen oder Ungarn. So wenig vergleichbar diese Länder natürlich sind: Die dortigen Entwicklungen gründen, in unterschiedlichen Gewichtungen und Ausprägungen, auf einer überraschenden Renaissance einerseits populistisch-autoritärer, andererseits nationaler, wenn nicht gar nationalistischer Konzepte. Dass dies keine Einzelfälle sind, muss uns alle im Hinblick auf die diesjährigen Wahlen in den Niederlanden, in Frankreich und nicht zuletzt in unserem eigenen Land aufrütteln.
Es ist hier nicht der Anlass, eingehend und tief auf diese beklagenswerten Entwicklungen einzugehen. Ich möchte hier nur einen Aspekt herausstellen: Allen mehr oder minder totalitären, autoritären oder populistischen Regimen wie auch den ihnen häufig genug zugrundeliegenden nationalpopulistischen Bewegungen ist es gemeinsam, dass sie nicht nur die öffentliche Meinung zu manipulieren und dann zu monopolisieren versuchen, sondern auch bestrebt sind, die eigene Geschichte in ihrem Sinne zu korrigieren.
Die Leugnung des Völkermords an den Armeniern oder die heute betriebene Umdeutung des Flugzeugabsturzes von Smolensk von einem Unfall in ein Attentat sind nur zwei von vielen ganz unterschiedliche Beispiele einer doktrinären, faktenwidrigen Geschichtsklitterung. Diese Ablehnung von Fakten hat häufig ein klares Ziel: Sie sollen das eigene Volk von jeglicher historischer Schuld freisprechen oder zum Opfer stilisieren.

Gerade vor diesem Hintergrund empfinde ich die Gedenkkultur in der Bundesrepublik, die wir am heutigen Abend in unserer Stadt erneut mit Leben erfüllen, als eine der wichtigsten mentalen und kulturellen Errungenschaften unseres Landes. Die historisch korrekte und wahrhaftige Erinnerung an die unfasslichen Verbrechen während der NS-Zeit, ist eben keine „Schande“, wie sie erst kürzlich öffentlich in Bezug auf die zentrale Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust in Berlin betitelt wurde. Im Gegenteil: Erinnerung ist eine Errungenschaft des demokratischen Deutschlands.
Die Anerkennung der deutschen Schuld, verbunden mit der Trauer um die Opfer, hat sich - in einem durchaus sehr schmerzlichen und von unzähligen Widerständen erschwerten Prozess - letztendlich zu einem Grundkonsens und einem Fundament unseres Staates entwickelt. Dies gilt es selbstbewußt zu bewahren und zu verteidigen - auch wenn in anderen Ländern, wie zuvor gesagt, mehr denn je geschichtsrevistionische Tendenzen am Werk sind.
Kia Vahland hat es neulich in ihrem lesenswerten Beitrag „Keine Schande“ in der Süddeutschen Zeitung so formuliert: „Eine Nation findet sich nicht im Heroischen, im Vergessen und Verdrängen, sondern im Selbstzweifel, in der permanenten Erinnerung an ihr größtes Versagen als Kollektiv wie als Individuen“. Und sie folgert, mit Blick auf die Bedingungen des Erfolgs und der Attraktivität Deutschlands: „Im Ergebnis aber ist es der Mut zum Eingeständnis, der aus unserem Land einen globalen Sehnsuchtsort gemacht hat … Anziehend ist, wer die eigene Geschichte annimmt und darin seinen persönlichen und politischen Handlungsspielraum findet“.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
das Gedenken an die unzähligen Opfer des Nationalsozialismus ist kein Selbstzweck: Es dient vorrangig der tief empfundenen Trauer um jeden einzelnen Menschen, der gelitten hat und gestorben ist. Aber es ist gut und wichtig, dass wir dies gemeinsam und öffentlich tun.
Veranstaltungen wie die heutige sind aber auch deshalb wichtig, weil sie die unbedingt notwendige, ebenso historisch präzise wie menschlich berührende Information über die Geschichte der NS-Zeit und das Leiden der Opfer vermitteln. Dies wurde in den vergangenen Jahren vielfach durch beeindruckende Begegnungen mit unterschiedlichsten Zeitzeugen gewährleistet, findet aber naturgegeben zunehmend perspektivisch andere Formen.
Ich danke deshalb bereits jetzt den beiden Referenten des heutigen Abends, Herr Prof. Thierfelder und Herr Pfarrer Dr. Röhm, dass Sie uns an ihrer ausgewiesenen Sachkenntnis als Theologen und Historiker bzw. ihrer jahrzehntelangen Praxis auf unterschiedlichen Felder der Erinnerungsarbeit teil haben lassen werden und einen weitgehend unbekannten Aspekt der Verfolgung jüdischer Bürger thematisieren werden.
Dem Verein DENK-ZEICHEN, dem Evangelischen Bildungswerk, der Katholischen Erwachsenenbildung, sowie der Evangelischen und der Katholischen Gesamtkirchengemeinde als den Veranstaltern danke ich für die bewährte und umsichtige Organisation dieser Gedenkstunde: Ich bitte Sie sehr, in ihrem Bemühen nicht nachzulassen und versichere Ihnen auch weiterhin die Unterstützung der Stadt.

Den Schülerinnen und Schülern des Georgii-Gymnasiums unter Leitung von Frieder Kögel danke ich für die Umrahmung.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich wünsche Ihnen allen, dass Sie von dieser Gedenkveranstaltung etwas für sich mitnehmen können. Nämlich die Motivation und die Überzeugung sich für unsere Demokratie und die mit ihr verbundenen Werte auch weiterhin zu engagieren.

Hinweis:
Es gilt das gesprochene Wort.