Redemanuskript

Thema / Anlass:Festakt des 25-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Esslingen am Neckar und Piotrkow Trybunalski, Polen
Datum:11/17/2017
Zeit:
Ort:Polen
Redner:Herr OB Dr. Zieger

Rede OBM Dr. Zieger zum Festakt des 25-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Esslingen am Neckar und Piotrkow Trybunalski, Polen am Freitag, 17. November 2017


Sehr geehrter Herr Stadtpräsident Chojniak, lieber Krzystzof,
geehrte Damen und Herren des Stadtrates,
sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

zuerst möchte ich Ihnen und allen Bürgerinnen und Bürgern von Piotrkow Trybunalski die besten Grüße der Esslinger Bürgerschaft zum 800-jährigen Stadtjubiläum überbringen! Im Jahr der Feierlichkeiten in Ihrer traditionsreichen Stadt kommt an diesem Wochenende eine weitere Feier hinzu: 25 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Piotrkow Trybualski und Esslingen am Neckar.
Ich bedanke mich auch im Namen der Delegationsmitglieder sehr herzlich für die Einladung zur Feier dieses Jubiläums sowie den freundlichen Empfang und die wie immer herzliche Gastfreundschaft!

Der Besuch einer Delegation aus Piotrkow in Esslingen im Juli ist uns allen noch in guter Erinnerung. Den seitherigen Gepflogenheiten folgend, wollen wir das 25-jährige Jubiläum unserer Städtepartnerschaft auch hier in Piotrkow gemeinsam feiern.
Wir haben auch allen Grund dazu, denn die Partnerschaft zwischen Esslingen und Piotrkow hat sich kontinuierlich entwickelt und ist ein Aktivposten in unseren internationalen Verbindungen.

Viele Menschen in Vereinen, Institutionen und Organisationen haben sich im Laufe des vergangenen Vierteljahrhunderts mit ganz unterschiedlichen Angeboten, Interessen, Themen und Blickwinkeln an der Städtepartnerschaft beteiligt, sie lebendig gestaltet und ihr viele Gesichter gegeben.

Ich freue mich, dass sich in den Teilnehmern unserer Delegation ein Querschnitt dieser aktiven Menschen wiederspiegelt: Vertreterinnen und Vertreter der West-Ost-Gesellschaft Esslingen, der John-F.Kennedy Schule, der Zollberg Realschule, des Stadtjugendringes, des Vereins Prima LIMA, der Kommunalpolitik und der Verwaltung der Stadt Esslingen.

Denn immer sind es die Menschen, ist es jede einzelne Bürgerin und jeder einzelne Bürger, die den von der Kommune vorgegebenen Rahmen einer Städtepartnerschaft mit Leben füllen. Sie sind es, die Brücken bauen und Völkerverständigung leben. Es ist das haupt- und ehrenamtliche Engagement von zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern und die daraus erwachsenen persönlichen Begegnungen und Beziehungen, ja Freundschaften, die über die Jahre das stabile Fundament unserer Städtepartnerschaft gelegt haben.
Dies hervorzuheben ist mir ein besonderes Anliegen und hierfür möchte ich Ihnen allen, sowohl in Piotrkow Trybunalski als auch in Esslingen ganz herzliche danken!

Als vor 25 Jahren die damaligen Vertreter unserer Städte, Ulrich Bauer und Michal Rzanek die Vereinbarung über die Städtepartnerschaft unterzeichneten, geschah dies in dem Wissen, dass diesen Verbindungen auf kommunaler Ebene eine vergleichbare politische Bedeutung zukommt, wie einst den deutsch-französischen Beziehungen. Polen ist neben Frankreich der zweite große Nachbar Deutschlands. Der Aussöhnungsgedanke stand damals durchaus im Mittelpunkt, denn wohl kein Land hatte so unter deutscher Außenpolitik zu leiden wie Polen. Der Verantwortung für den Vernichtungskrieg des Nazi-Regimes können wir uns nicht entziehen. Dies ist untrennbar Teil der Deutschen Geschichte.
Das Verhältnis zwischen Polen und Deutschland ist für den Frieden in Europa von herausragender Bedeutung. Einfach war dieses Verhältnis aber nie.

In Zeiten der West-Ost-Auseinandersetzung, des Eisernen Vorhangs, war ein unbefangener Dialog zwischen Deutschen und Polen zunächst nicht möglich. Erst Willy Brand gelang es, mit seiner neuen Ostpolitik die starren Frontengegengroße Widerstände aufzubrechen. Unvergessen sein demütiger Kniefall vor dem Ehrenmal des Ghettos in Warschau, der rückblickend als Wendepunkt in den deutsch polnischen Beziehungen gesehen wird.

Das polnische Volk hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Eiserne Vorhang gefallen ist. Damit wurde letztlich auch der Weg frei für die Wiedervereinigung Deutschlands. Helmut Kohl hatte die Chance erkannt und auch erfolgreich genutzt. Das werden wir nicht vergessen. Die Werte für die die Solidarnosc kämpfte, sind heute aktueller denn je: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit. Darauf baut das friedliche und gedeihliche Miteinander in Europa auf.
Der Abschluss des deutsch-polnischen Grenzvertrages vom November 1990, zwei Jahre vor Unterzeichnung unserer Städtepartnerschaft, leitete schließlich einen historischen Paradigmenwechsel in den Beziehungen zwischen Deutschland und Polen ein.

Heute können wir mit Stolz sagen, dass wir vieles gemeinsam auf den Weg gebracht haben. Die zarten Bande von einst haben sich mit den Jahren zu einer soliden Beziehung entwickelt.
Doch das bedeutet nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen. Vielmehr wollen wir weiterhin die Partnerschaft lebendig gestalten.
Dass es an guten Ideen nicht fehlt, davon zeugt das Projekt des Vereins Prima LIMA Esslingen und des Clubs Endorfina aus Piotrkow, das im August dieses Jahres durchgeführt wurde. Mit einem Non-Stop Staffellauf von Esslingen nach Piotrkow Trybunalski haben die Läuferinnen und Läufer aus Piotrkow und Esslingen in 5 Tagen und Nächten gemeinsam die Distanz von immerhin mehr als 1000 km bewältigt. Im Zeichen eines Europas der Freundschaft und der gemeinsamen Werte wollten die Organisatoren mit dem Lauf zeigen, die die Menschen in Deutschland und Polen (in Esslingen und Piotrkow) im gemeinsamen Zusammenwirken jede Wegstrecke schaffen können – auch und gerade in politisch schwierigen Zeiten. Sie haben es geschafft – alle sind wohlbehalten in Piotrkow angekommen. Großen Respekt vor dieser sowohl sportlichen als auch logistischen Herausforderung.!

Eine weitere Festigung der Städtepartnerschaft bahnt sich im Schüleraustausch an. Im Juli habe ich noch bedauernd darauf hingewiesen, dass bislang nur eine Schulpartnerschaft gepflegt wird, nämlich die der JFK Schule und der Scola Economiczka. Ich freue mich sehr, dass sich aktuell Kontakte zwischen der Zollberg-Realschule und der ZSP Nr. 2 ergeben haben, die möglicherweise zu einer weiteren Zusammenarbeit führen.
Ich halte es für außerordentlich wichtig, (im Einklang mit Stadtpräsident) dass sich gerade junge Menschen aus Polen und Deutschland begegnen. Schüleraustausche können neben Kultur- und Brauchtum auch Kenntnisse über das Staats-. Wirtschaft- und Bildungssystem des jeweils anderen Landes vermitteln.
Die Kontakte der Schüler können sich im späteren Berufsleben positiv auswirken. Nicht nur weil Deutschland mit Abstand größter Außenhandelspartner Polens ist und sich hier große Chancen für junge Menschen in beiden Ländern ergeben, sondern generell halte ich Auslandsaufenthalte im Schüler und Studentenleben für eine wertvolle Bereicherung.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf den internationalen Jugendaustausch hinweisen, dem wir in unserer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zukünftig eine zentrale Rolle zuweisen wollen, ja, zuweisen müssen. Die Förderung des Jugendaustausches ist eine Investition in die Zukunft und deshalb unverzichtbar für die Weiterentwicklung unserer Beziehungen. In Esslingen leistet der Stadtjugendring im Zusammenwirken mit anderen Jugendorganisationen in den Partnerstädten mit der Durchführung und Teilnahme an Austauschbegegnungen und gemeinsamen Projekten hervorragende Arbeit. Junge Menschen werden so mit den gesellschaftspolitischen Bedingungen des jeweils anderen Landes vertraut und stärken ihre interkulturelle Kompetenz.
Wir haben in unserer Delegation Vertreterinnen des Stadtjugendringes Esslingen, einer Jugendorganisation, die gerne mit einer Partnerorganisation in Piotrkow Trybunalski zusammenarbeiten möchte und dies seit geraumer Zeit auch versucht. Leider scheiterte es bislang daran, dass es offensichtlich keine Jugendorganisation, Jugendclub, Jugendbüro in Piotrkow Trybunalski gibt. Ich bin aber zuversichtlich, dass Sie, liebe Freunde, bald eine Lösung finden werden.

Nebenbei bemerkt, werden inhaltlich und organisatorisch gut vorbereitete Jugendbegegnungen vom deutsch-polnischen Jugendwerk großzügig gefördert. Und da Geld nun mal auch für die Pflege unserer Städtepartnerschaft eine Rolle spielt, sollten wir diese Möglichkeiten nutzen, wo immer es geht.

Bei dieser Gelegenheit danke ich den Vertreterinnen und Vertretern des Esslinger Gemeinderates, die über alle Fraktionen hinweg für die Pflege der internationalen Beziehungen die notwendige finanzielle Ausstattung zur Verfügung stellen. Dies zeigt auch, dass Städtepartnerschaften in Esslingen einen hohen Stellenwert genießen. Wir als Verwaltung versehen dies als Aufforderung, gemeinsam mit der engagierten Bürgerschaft die Kontakte weiter zu pflegen und voran zu bringen.

Wir leben in stürmischen Zeiten. Die Krisen in und um Europa machen vielen Menschen Sorgen, in Polen genau wie in Deutschland.
Die politischen Entwicklungen in Polen werden im Europäischen Parlament und auch in Deutschland kritisch betrachtet. Dies müssen wir realisieren. Die konstitutiven Merkmale einer Demokratie sind geprägt von der Gewaltenteilung. Freie Wahlen, unabhängige Justiz, Trennung von Legislative und Exekutive und Pressefreiheit. Europa ist nicht nur eine Organisation zur finanziellen Umverteilung, sondern eine Wertegemeinschaft. Auf Dauer ist das eine ohne das andere nicht zu haben.
Ich glaube, dass es in solchen Zeiten, wenn auf politischer Ebene große Probleme anstehen, es umso mehr auf den Draht zwischen den Menschen ankommt. Und da bin ich wieder auf der Ebene der Kommunen und der Städtepartnerschaften.

Sie sind wohl ein Stück Geschichte, aber noch ein größeres Stück Zukunft. Denn sie schaffen eine Kultur des Dialogs, in dem wir die Gemeinsamkeiten, die Identität, Verwundbarkeiten und Unterscheide in Europa und in der Welt direkt spüren. Wie wir damit umgehen, wird wesentlicher Bestandteil für den Fortbestand der europäischen Wertegemeinschaft sein.
Es ist deshalb wichtig, dass wir die Menschen in unseren beiden Städten noch näher zusammenbringen. Dies bleibt eine ständige Aufgabe. Offenheit und Toleranz müssen stets neu gelebt und errungen werden. Der Rahmen der Städtepartnerschaft unterstützt dies in vielfältiger Weise und mit begründeter Aussicht auf Erfolg.
Ich danke nochmals allen, die zum Erfolg der Städtepartnerschaft beitragen und beigetragen haben. Und ich danke meinem Kollegen Krzysztof Chojniak dem Team des Büros für Städtepartnerschaften, besonders Herrn Marcin Fijalkowski, für die stets gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit.!

Tschinkuje barzo – Vielen Dank!